Vom Versuch, der Liebsten zu erklären, wer Lionel Messi ist

“Zeit für die Liebe!”, darf man getrost wünschen, schaut man sich derzeit die Schlagzeilen rund um Bayer 04 Leverkusen an. Genau deshalb aber droht schon wieder Ungemach: Der Tag nämlich, an dem Bayer 04 in der BayArena im Champions-League-Achtelfinale auf den FC Barcelona trifft, also der 14. Februar, ist Valentinstag! Der Tag also, an dem die Gattin, Freundin oder sonstwie lebensabschnittsmäßig mit dem Mann unterwegs befindliche Frau sich auf Rosen gebettet wissen möchte. Ein Fußballabend – im Stadion oder vor einem Bildschirm – gehört in aller Regel eher nicht zum Programm, das die Holde sich für diesen Tag vorstellt. Und wer, bitteschön, hat je im Ernst den Versuch unternommen, der Liebsten zu erklären, was Lionel Messi so alles drauf hat?

Jens Peters macht in seinem Bayer-04-Blog catenaccio auf diesen bevorstehenden Interessenkonflikt aufmerksam. Mit einem traumatischen Erlebnis aus dem Jahr 2004 möchte ich eine kleine illustrierende Geschichte zu dem Thema beitragen. Champions-League kommt vor, sogar ein spanischer Top-Club – viel Spaß beim Lesen:

Eigentlich hatte ich es zunächst ganz geschickt angestellt, als ich mal wieder zwischen die Fronten dieser ewig unvereinbaren Leidenschaften geraten war: Fußball und Freundin. Der Urlaub war schon lange geplant, bis donnerstags einschließlich sollte er gehen. Und dann zieht Bayer 04 für den Tag davor, Mittwoch, 15. September, das Champions-League-Los schlechthin: Real Madrid! Klarer Fall: Der Urlaub musste verkürzt werden!

Zunächst aber hilft alles Lamentieren bei der Freundin nicht: kein Zidane, kein Ronaldo, kein Figo und auch kein Roberto Carlos können daran etwas ändern. Erst der Name David Beckham mischt einen ersten Funken von Verständnis in die wutblitzenden Augen der Freundin, die ihren Urlaub versanden sieht. Tränen, Blut und Schwüre folgen, das Übliche eben, bevor ich mit einem Schachzug („Bitte, bitte, bitte!“), den ich vor Freunden später als patriarchalischen Akt namens „Machtwort“ darstellen werde, meinen Willen gewährt bekomme: Die Rückreise ist auf Mittwoch, 19 Uhr, vorverlegt. So sann ich, während meine Freundin ihren liebreizenden Körper am Strand sonnte, in Vorfreude auf das Spiel.

Eintrittskarten per Einschreiben

Der Tag des Spiels ist da, nicht nur die Alpen, sogar das Heumarer Dreieck gerade noch rechtzeitig überwunden, die Verspätung noch im Limit, und endlich um 20 Uhr greife ich – sonnengebräunt und erwartungsfroh – in meinen Briefkasten. Schließlich werden mir in meinem Dauerkarten-„Komplett-Paket“ alle Tickets per Post zugesandt. Doch außer Rechnungen finde ich – nichts! Nur eine Benachrichtigung. Denn die wertvollen Eintrittskarten wurden per Einschreiben zugestellt. Und sind also rund 45 Minuten vor Spielbeginn immer noch postlagernd. P o s t l a g e r n d! Um 20 Uhr! Post zu, guter Rat teuer! Ich eile mit der Benachrichtigung, meiner Bundesliga-Dauerkarte und zitternden Knien zum Stadion. Doch alles Flehen, alles Betteln ist vergebens: Nach 30 bereits verflossenen Spielminuten erklärt schließlich auch der letzte aller um Hilfe herbeigerufenen Mitarbeiter der Bayer 04 Fußball GmbH, mancher mit aufrichtigem Mitleid in den Augen: „Tut uns Leid!“

Während sich drinnen die „Werkself“, die damals noch nur inoffiziell so hieß, also gerade anschickt, die „Galaktischen“ mit 3:0 nach Hause zu schießen, bleiben mir die Eingangstore zur BayArena verschlossen. Zumindest im Fernsehen hätte ich das Spiel ja nun noch gucken können – aber der Freundin erklären, den Urlaub für einen Fernsehabend verkürzt zu haben? Ich trotte einsam zur Dhünn hinab, setze mich ins Gras. Und mit jedem Torjubel, der aus dem Stadion zu mir dringt, rinnen meine Tränen, vor Freude und Schmerz zugleich, heißer in den begradigten Fluss. Niemals soll meine Freundin erfahren, wie ich diesen Mittwochabend verbracht habe.

Ticket Bayer 04 Leverkusen - Real Madrid 15.09.2004

Noch jungfräulich, um der Liebe willen: Mein Ticket für das Spiel Bayer 04 Leverkusen - Real Madrid am 15.09.2004. Abgeholt am 16.09.2004 am Schalter der Hauptpost Leverkusen-Wiesdorf.

Dieser Beitrag erschien in leicht abgewandelter Form im September 2004 im Leverkusener Anzeiger. Von Mitleidsbekundungen bitte ich Abstand zu nehmen: inzwischen bin ich einigermaßen über die Sache weg.

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11 Kommentare

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11 Antworten zu “Vom Versuch, der Liebsten zu erklären, wer Lionel Messi ist

  1. Nun, da möchte ich mich nicht weiter bitten lassen.
    Kurz und gut: Ich bin über den Zaun geklettert und zu meinem Platz gegangen.

    Und das kam so: Ungefähr zwischen 20.20 Uhr und 21.20 Uhr war ich pausenlos auf der Suche nach Hilfe und verständnisvollen Mitmenschen mit was zu sagen zwischen Hauptkasse vor Block H (an der Dhünn) und meinem Eingang (Block B, Bismarckstraße) gependelt. Als das Spiel bereits lief und es draußen naturgemäß leerer wurde, fiel mir am Eingang A-Block irgendwann auf, dass die Ordner dort jeweils zu zweit links des linken Kassenhäuschens sowie rechts des rechten Kassenhäuschens standen. Zwischen den Häuschen keine Menschenseele.

    Als ich dann wenig später jede Hoffnung fahren lassen musste, doch noch legal rein zu kommen, war ich emotional nicht ganz entspannt geblieben und längst zu allem entschlossen. Da war nur noch dieser Ordner, der die Einfahrt zur Tiefgarage bewachte und genau sehen konnte, was da vor Block A vor sich geht. Aber der war – Zeichen des Himmels! – verschwunden. Ohne nun übertrieben nach ihm zu suchen, schwang ich mich kurzerhand am Zaun auf ein Geländer vor einem der Kassenhäuschen, das normalerweise dafür sorgt, dass man sich nur einzeln anstellen kann. Auf der anderen Seite von Zaun und Häuschen unterhielten sich zwei Ordner, aber die Geräuschkulisse übertönte ohnehin alles. Ohne besondere Anstrengung war ich von dem Geländer über den Zaun gekommen und also – endlich! – drin.

    Aber dann wurde es erst wirklich kompliziert: Ich musste zur Treppe kommen, ohne in der riesigen “Umgreifebene” von einem übereifrigen Ordner angesprochen zu werden. Und da standen ja die ganzen Wachhabenden, die meine traurige Geschichte inzwischen zur Genüge kannten. Also ging ich, den Blick streng geradeaus, jeden Blickkontakt vermeidend, behende und fest entschlossen, aber ohne zu rennen zur Treppe. Als ich die erreicht hatte, kamen mir ein paar dieser Während-des-Spiels-Würstchenholer entgegen (die gibt’s also wirklich, dachte ich). Jetzt, dachte ich, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Während ich die Treppe hinaufschritt, muss sich – wie ich jetzt weiß – Jacek Krzynowek gerade das Leder für einen Freistoß zurechtgelegt haben.

    Das erste, was ich vom Spiel sah, als ich die oberste Stufe erreichte (und fürchtete, dort noch von einem Ordner nach meiner Karte gefragt zu werden), ist, wie Krzynowek Anlauf nimmt und das Ding zum 1:0 in die Maschen von Reals Tor hämmert. Als ich also endlich in der Arena stehe, ist das Stadion komplett aus dem Häuschen. Und mit was? Mit Recht! Jetzt interessierte sich definitiv kein Ordner mehr für meine Karte. Ich jubelte zwar still, aber gewiss am euphorischsten. Ich kann nicht leugnen, in diesem Augenblick an dieser Art ungesetzlichen Handelns Gefallen gefunden zu haben. Durch ausgelassen jubelnde Menschen bahnte ich mir den Weg zu meinem Platz in der obersten Reihe. Ein paar Plätze weiter saß meine Schwägerin. “Tyyypisch”, begrüßte sie mich mit übertrieben verständnislosem Blick: “Mal wieder zu spät!”

  2. Pingback: Ungestüm am Samstag « Ansichten aus dem Millionendorf

  3. Ich bitte sehr darum, dass die dunklen Geheimnisse endlich ans Tageslicht kommen. ;-)

  4. Eva

    Da bin ich aber gespannt. ;)

  5. In der Tat ist das eine wunderbare Geschichte. Nur als du schreibst, dass Bayer 04 Leverkusen Real Madrid 3:0 nach Hause schießt, habe ich gedacht: Hhm, ist jetzt doch ein bisschen dick aufgetragen, oder? ;-)

    • Zugegeben, das liest sich schon mächtig überheblich, vor allem dann, wenn man sich das mal aus der Sicht eines Köln- oder eines, sagen wir: Dortmund-Fans betrachtet denkt. ;-) In diesem Fall aber unterliegen wir schlichtweg der Macht des Faktischen. Wahrhaftig dick aufgetragen wäre es gewesen, hätte ich berichtet, wie die Geschichte in Wirklichkeit endete. Die begradigte Dhünn hat damit nämlich rein gar nichts zu tun. Aber das konnte ich in dem Artikel damals schon aus Gründen der strafrechtlichen Verfolgbarkeit nicht schreiben und wählte daher damals das tragisch-tränenreiche Ende. Ich habe jetzt aber mal nachgeschaut: Die Sache gilt nun definitiv als verjährt. Möchte also jemand wissen, wie das Ganze wirklich endete? Ich möchte schon unterstellen, dass diese Wendung es in sich hat.

  6. Eva

    Es gibt durchaus Frauen, die selbst das Spiel sehen wollen, komme was wolle. Eine Freundin von mir ist jedenfalls leidenschaftlicher Fan von Bayer 04.
    Okay, ich selbst kann da jetzt nicht als Gegenbeispiel herhalten (ich wusste tatsächlich erstmal nicht, wer Messi ist, ähem), aber ich kann es ganz gut verstehen, wenn jemand für etwas eine Leidenschaft hegt. Vor allem nach dieser herzzerreißenden Geschichte. ;)
    Schön erzählt. :)

    • Ich weiß sogar von Beziehungen, in denen die Frau dem Mann erklären muss, wer oder was Messi ist. Meistens geht das mit einem solchen Interessensgefälle ja auch irgendwie gut, nur eben in solchen Ausnahmesituationen – geplanter Urlaub + Knüller-Partie – weiß man, dass es wirklich ein Problem gibt, wenn die Partnerin (bzw. der Partner) mit ungespielter Entrüstung entgegnet: “Wegen nem Fußballspiel willst Du unseren Urlaub platzen lassen?!?”
      Danke für die Blumen! Beizeiten erzähle ich Dir mal von Messi! ;-)

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