ECE: Kannibalismus in Leverkusen?

Siegfried Kuhl

Siegfried Kuhl

Bereits drei Monate vor Eröffnung der „Rathaus Galerie“ der ECE Projektmanagement GmbH & Co. KG macht es den Anschein, als seien die Warnungen vor den Folgen für den Einzelhandel in Leverkusen nicht unbegründet gewesen: Leerstände in der Wiesdorfer City nehmen erkennbar zu. Siegfried Kuhl, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Opladen, sieht einen Kannibalismus über Leverkusens Einzelhandel heraufziehen und fordert im LevLog, allen Standorten in Leverkusen eine gerechte und angemessene Chance einzuräumen.

VON SIEGFRIED KUHL

Aus Köln hallen Rufe herüber, dass sich dort neue Gedanken gemacht werden, wie Kunden aus dem Umland, also auch aus Leverkusen, wieder verstärkt in die Kölner Innenstadt gelockt werden können. Schon vernimmt man sogar seitens der Betreiber der neuen „Rathaus Galerie“ in Wiesdorf, dass es zum Wettbewerb um die Kunden aus Leverkusen und den nahe gelegenen Kölner Vororten kommen wird. Mehr als ein Zeichen dafür, dass die neue „Rathaus Galerie“ in entscheidendem Ausmaß Kundenpotenziale innerhalb Leverkusens verlagern wird. Dies erkennt man bereits jetzt an den ersten Auswirkungen und Hiobsbotschaften, etwa die Aufgabe des Intersport-Fachgeschäftes Röhrich oder den offenbar bereits feststehenden Wechsel von Saturn sowie von C&A in die „Rathaus Galerie“.

Sicher werden weitere solcher Botschaften die nächsten Monate bestimmen und insbesondere in der „alten“ City Einschlaglöcher hinterlassen. Bereits jetzt gibt es nach inoffiziellen Schätzungen rund 100 Leerstände in Wiesdorf, deren Zahl mit Sicherheit weiter zunehmen wird. Die Kassandrarufe – ob aus Wiesdorf oder Opladen – bei der Auslobung des Projektes „Neue Stadtmitte“ waren also nicht aus der Luft gegriffen, sondern purer Realismus. Jetzt erntet die Politik die Früchte, die sie dereinst in blinder Euphorie gesät hat. Jetzt heißt es, den Kannibalismus innerhalb Leverkusens aufzuhalten und allen Standorten eine gerechte und angemessene Chance zu lassen.

Was passiert mit Kaufhof?

Der wichtigste Magnet für die „City C“, nämlich C&A, soll angeblich in die „Rathaus Galerie“ wechseln. Gerüchten zufolge, ausgehend von der Wahl des Vorsitzenden der neuen Werbegemeinschaft der „Rathaus Galerie“, wechselt auch Saturn den Standort. Intersport Röhrich hat schon aufgegeben, während ein dem Betreiber der „Rathaus Galerie“ nahe stehender Sportfachhändler den Platz einnimmt, der statistisch wieder einmal als Neuansiedlung gewertet werden wird. Spannend bleibt, was betreffend Kaufhof in den nächsten Monaten passieren wird. Die in schwieriger Situation befindlichen Warenhäuser müssen einmal mehr erfolgsorientierte Entscheidungen treffen. Nicht zuletzt zählen Kaufhof und Saturn zum gleichen Konzern, der trotz aller Profitcenter-Gedanken* sicher auch auf das Konzernergebnis achten muss und wird.

Das erste städtebauliche Opfer der „Rathaus Galerie“ ist demnach die „City C“. Nach dem Ende von Woolworth wird dann wohl auch C&A dort wegziehen. Unter Umständen werden wiederum Betreiber aus Breidenbach- oder Hauptstraße dorthin ziehen – und so weiter. Da zeichnen sich schon jetzt die nächsten Brachflächen ab. Mit viel Glück könnte dieser „Kelch“ an den Luminaden vorübergehen.

Kundenanalyse eine Farce

Die seinerzeitig betriebene Analyse mit dem Ergebnis, es würden durch die Neue Stadtmitte vornehmlich neue Kunden aus dem Umland nach Leverkusen gezogen, ist eine Farce, die Fachkundige stets bezweifelt haben, wie sich jetzt bestätigt. Auch das Umland schläft nicht, so dass das „Planetengetriebe“ voranläuft, wie man jetzt am neuen Werbekonzeptgedanken aus Köln sieht.

Also wird die Neue Stadtmitte innerhalb Leverkusens mehr Kannibalismus betreiben, als Glauben gemacht werden sollte. Das war, wie gesagt, allen fachlich Involvierten von Anfang an klar. Welche Opfer in nächster Zeit noch in den großen Gartopf fallen werden, ist nur eine Frage der Namen; dass es so kommen wird, kann jetzt niemand mehr verneinen. Wer dafür mindestens die moralische Schuld trägt, dürfte den Verantwortlichen bekannt sein.

Weniger Arbeitsplätze statt mehr?

Gespannt darf man sein, ob und wie am Ende Buch geführt wird über die Nettozunahme der Arbeitsplätze. Im Vorfeld wurden immer bis zu 1.000 genannt, die bar jeglicher Realität sind. Wenn am Ende kein Verlust resultiert, könnte man noch vom „blauen Auge“ sprechen, mit dem man davongekommen ist.

Siegfried Kuhl, Diplom-Betriebswirt und Unternehmensberater, ist Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Opladen e.V. (AGO), die die Opladener Einzelhändler vertritt und das Stadtteilmarketing koordiniert.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Zweite Meinung

3 Antworten zu “ECE: Kannibalismus in Leverkusen?

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  2. Claudia Schmitz

    Letzendlich bekommt der Verbraucher das, was er verdient. Wer nur bei großen Ketten einkauft, darf sich nicht wundern, wenn die letzten Einzelhändler in Wiesdorf aufgeben müssen. Auf Nachhaltigkeit setzende Werbekonzepte der Stadt sind hier gefragt, um Leverkusen weiterhin ein individuelleres Geschäfteangebot zu sichern.

    • Siegfried Kuhl

      Genau das ist eigentlich das fehlende „Ei des Kolumbus“ für Leverkusen.

      Es gibt schlicht kein ganzheitliches Konzept und daher folglich auch keine Strategie, ergo keine nachhaltigen Werbekonzepte für den Standort; zumindest keine über den Horizont von fünf Jahren hinaus.

      Hier fehlt beispielsweise als strategische wie operative Einheit ein handlungsfähiges Stadtmarketing, das über mehr als fünf Jahre denkt und handelt und vor allem kein Spielball wechselnder Mehrheiten oder politischer Proporze ist, mehr als Plakate klebt und Sticker verteilt.

      Ein Unternehmen lebt nicht von seinen Produkten, sondern von Vermarktung und Verkauf seiner Produkte.

      Eine Kommune ist als Standort auch ein zu vermarktendes Produkt. Was nicht am Markt alleinstellend, als Preis-oder Qualitätsführer verkauft werden kann, geht im Verdrängungswettbewerb unter.

      Im starken Wettbewerb ohne Differenzierungspotenzial ist Marketing also umso wichtiger, um wenigstens Besonderheit zu signalisieren.

      Ohne Marketing gelingt das aber eben nicht.

      Aber ohne Strategie hilt auch das beste Marketing nichts.

      Egal wie, beides fehlt in Leverkusen.

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