Von eines Stadtrates Würde

Ist Bernd Schneiders Abschiedsspiel hier gestern nicht etwas zu kurz gekommen?
Schon richtig. Aber die meisten Tageszeitungen, zumal die überregionalen, greifen das auch erst heute richtig auf. Zum Beispiel Süddeutsche oder FAZ, beide leider nicht online. Und auch Kölner Stadt-Anzeiger und Rheinische Post ziehen heute noch Artikel nach. Außerdem musste ich das selbst noch aufarbeiten: Ich fasste nämlich am Montag kurzfristig den Entschluss, nach vollbrachtem Tagwerk doch noch ins Stadion zu gehen, als ich hörte, dass das Spiel 20 Minuten später angepfiffen wird. Ich hatte nämlich erst nach 21 Uhr Zeit. Ich also nix wie hin – dummerweise aber war der Verkauf von Tickets nach Anpfiff offenbar nicht mehr vorgesehen.

Das ist ärgerlich.
Naja, ich war nur aus Wiesdorf herbeigeradelt. Frag mal Armin aus Schwaben. Der hatte das gleiche Problem und konnte es einfach nicht fassen. „Also, so etwas tät’s bei uns in Schwaben net gäb’n“, wiederholte der nur noch, bevor er irgendwann entnervt wieder Heim fuhr.

Klar, bei den Schwaben will man Geld verdienen.
Im Zweifel auch noch nach Anpfiff. Aber wir hatten da einfach Pech. Pech war dann auch dies: Als zur Halbzeit zwei Leute vorzeitig gingen und uns ihre Karten überließen, durften uns die Ordner dann doch nicht einlassen. Denn auf der Karte steht: „Zutrittsberechtigt ist nur, wer die Eintrittskarte rechtmäßig erworben hat.“ Das hatten wir fraglos nicht. Außerdem steht dort weiter: „Beim Verlassen des Stadions verliert die Karte ihre Gültigkeit für diesen Spieltag.“ Naja, zum Glück gibt’s die WDRMediathek.

Ich erinnere mich noch an Zeiten, da haben die Ordner nach Beginn der zweiten Halbzeit alle ohne Karten reingelassen.
Den Ordnern ist kein Vorwurf zu machen, die haben sich korrekt verhalten. Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist natürlich, dass heute rund um das Stadion Videokameras alles aufnehmen. Also auch, wenn die Ordner Leute einlassen, die dem Kleingedruckten zufolge gar nicht rein dürften. Und da hört dann der Spaß für die Angestellten von BaySecur verständlicherweise auf. Selbst dann, wenn sich alle einig sind, dass es ’ne tolle Sache wäre, könnte man es einfach so machen wie damals.

Schon klar. Ist das hier eine Presseschau oder wird das jetzt ’ne Gesellschaftskritik?
Wollte ich nur loswerden. Man wird das doch mal diskutieren dürfen? Apropos Diskutieren, hier kommt die Überleitung: Kein Vorbild für eine angemessene Streitkultur gab am Montag nämlich offenbar unser Stadtrat ab. Das hatte „LH“ in der Rheinischen Post bereits gestern mit erkennbarem Kopfschütteln in einem kurzen Kommentar („Hahnenkämpfe im Gladiatorenring“) angedeutet, heute legt Thomas Esch im Leverkusener Anzeiger entschlossen (aber leider nicht online) nach: „Häme, Spott, persönliche Diffamierungen und Verbalinjurien“ habe manch einer der Ratsherren geäußert. „Mit der Würde eines Stadtrates hatte das alles nichts mehr zu tun“, wendet sich Esch herrlich indigniert von dem Treiben im höchsten politischen Gremium Leverkusens ab: Dem Ansehen der Politik entstehe mit solchen Sitzungen „immer wieder aufs Neue Schaden“.

Vielleicht sollte man Videokameras im Ratssaal installieren?
Besser nicht. Während sich unbescholtene Bürger vor Kameras bemühen, besonders anständig zu sein, führt mediale Aufmerksamkeit bei Politikern bisweilen dazu, dass sie vollkommen aus dem Ruder laufen.

Wurden im Rat denn auch richtige, drängende Themen behandelt?
Es wurde weiter über die Gestaltung der Wiesdorfer Fußgängerzone im Bereich Wöhlerstraße/Marktplatz diskutiert und dazu der neue Vorschlag eingebracht, die Pavillonzeile neben der Kirche zu entfernen. Der Wasserturm auf dem Opladener Bahnstadt-Gelände sei den Altstadtfunken zugeschlagen worden, weiß die RP. Und im Streit um die verkaufsoffenen Sonntage wolle nun Sozialdezernent Frank Stein zwischen den drei Zentren Schlebusch, Opladen und Wiesdorf vermitteln.

Eine Prise Landespolitik?
Sicher: SPD-Fraktionschef Walter Mende plädiert gegenüber dem Anzeiger für eine Ampel-Koalition. Insbesondere in Fragen der Schulpolitik sehe er gemeinsame Positionen zwischen SPD und FDP.

Aha! Was könnten das für „gemeinsame Positionen“ sein?
Keine Ahnung. In Leverkusen hätten sie sich jedenfalls bislang nicht im politischen Prozess niedergeschlagen.

Vielleicht bietet sich Gelegenheit zumindest dazu schon in Sachen Realschule am Stadtpark?
Möglich. Die Schule sucht weiter einen neuen Schulleiter, nachdem die einzige Bewerberin von der Schulkonferenz abgelehnt worden war. Im Gegensatz zur Bezirksregierung Köln sind sich SPD und CDU jedenfalls offenbar schon einig, dass die Stelle neu ausgeschrieben werden sollte.

Der Welt der Wirtschaft präsentierte Lanxess gestern glänzende Quartalszahlen, lese ich.
In der Tat. Der Anzeiger schreibt dazu sogar, die Krise sei vorbei – „wenigstens in Asien“. Und davon hat der Global Player Lanxess offenbar tüchtig profitiert.

Gibt es eigentlich Neues zur Finanzlage der Stadt?
Ach was, im Gegenteil: Kämmerer Rainer Häusler hat eine aktuelle Finanz-Broschüre vorgestellt, die die sprichwörtlich knappen Kassen der Stadt in Zahlen und Statistiken belegt.

Ernüchternd! Was wohl Armin zu solchen Zahlen sagen würde?
„So etwas tät’s bei uns in Schwaben net gäb’n!“

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