Wer ins Gras beißt

„Leverkusen stagniert“, meldet heute die Rheinische Post. Müssen wir uns sorgen?
Ein wenig vielleicht, zumal es nicht um so etwas Abstraktes wie „Finanzen“ geht, sondern um ganz Grundlegendes. Die Einwohnerzahl in Leverkusen habe sich in den vergangenen zehn Jahren nämlich kaum verändert: Von 160.930 Ende 1999 ist sie um 41 auf 160.889 Ende 2009 gesunken. Dabei ist Stagnation natürlich immer noch besser als deutlicher Rückgang. Immerhin habe Zuzug das Ungleichgewicht zwischen Geburten und Sterbefällen ausgeglichen (das erklärt vielleicht auch diese Nachricht von gestern). Außerdem sei der Ausländeranteil von 19.553 auf 18.500 gesunken.

Ok, genug der Zahlen! Mittwoch, 26. Mai – was sollten die übriggebliebenen 160.889 Leverkusener denn heute wissen?
Wollen wir den Zeitungen glauben, dann spielen Wasser und Lanxess heute herausragende Rollen: Der Leverkusener Anzeiger blickt gen Osten und informiert über das Oder-Hochwasser in den Leverkusener Partnerstädten Schwedt und Ratibor. Um Wassersport, namentlich um die Ruderer des RTHC, die seit 100 Jahren unter Leverkusener Fahne rudern, geht es auf der Anzeiger-„Journalseite“. Und die Rheinische Post beleuchtet das Befahren der Wupper mit Kanus und Flößen zwischen Leichlingen und Leverkusen kritisch.

Und was ist mit Lanxess?
Lanxess-Nachrichten pflastern heute geradezu die Tageszeitungen. Die Investition von rund 35 Millionen Euro in die Basischemie im Werk Leverkusen sowie weiterer 60 Millionen in andere Leverkusener Anlagen ist die Berichterstattung in insgesamt drei recht ausführlichen Artikeln wohl auch wert. Dass im WM-Stadion „Soccer City“ in Johannesburg Farbpigmente sowie Träger aus Durethan aus Lanxess-Herstellung verwendet wurden, erfahren Leverkusener RP-Leser heute auch gleich dreimal: Als Meldung im Wirtschaftsteil, ausführlichst im Lokal- als auch im Sportteil. (Online hat man jeweils offenbar ein wenig ausgesiebt.)

So funktioniert das doch: Sport zieht Interesse auf sich, an dem andere partizipieren können.
Das dachte sich vermutlich auch die Tierschutzorganisation Peta, die jüngst die vegetarierfreundlichsten Fußballstadien kürte. Leverkusen werde dabei gelobt, Jan Sting wundert sich dennoch nicht wenig und empfiehlt Vegetariern als logische Konsequenz dieses New Age, im Stadion künftig doch einfach mal genüsslich ins Gras zu beißen.

Apropos beißen: Rudi Völler rühmt Mittelfeldspieler Hanno Balitsch, dessen Rückkehr zu Bayer 04 nun so gut wie sicher zu sein scheint, als „Beißer“.
Diese Klassifizierung ist, zumal aus Sicht von Tierschützern, eindeutig zu martialisch. Durch und durch karnivor. Gibt es unter Fußballprofis eigentlich bekennende Vegetarier?

Nicht dass ich wüsste. Aber wie soll man auch mit einem bekennenden Körnerpicker auch nur einen Blumenpott gewinnen?
Auch wieder richtig. Warten wir also, was es zuerst gibt: Einen bekennenden Vegetarier oder einen bekennenden Homosexuellen im Fußballsport.

Zurück zum Thema, bitte.
Ok. Für Ernüchterung bei Bayer-04-Fans, die sich noch manchen Knüller-Transfer wünschen, sorgt eine (kunstvolle?) Satzellipse im Stadt-Anzeiger: „Damit ist das zur Verfügung des Bundesligavierten aufgebraucht“, schreibt Frank Nägele. Die Botschaft ist klar, wer es dennoch nicht versteht, der lese noch den kicker-Artikel via werkself. Kurzum: Für neue Stars ist beim Bayer keine Knete da.

Aber Sport ist doch nicht nur Geld?
Was sonst? Auch Nostalgiker werden übrigens wohl nicht auf ihre Kosten kommen: Basketball-Legende Achim Kuczmann kehre nicht zurück zu den Wurzeln, um Trainer der Giants Leverkusen zu werden, weiß die RP.

Schade! Was gibt es in der überregionalen Presse?
Außer Sport? In der FAZ überrascht heute ein Artikel über „Neue Pflichten für Anwälte“ mit der Ortsmarke „Leverkusen“. Die ist aber offenbar allein dem Autor geschuldet: Rechtsanwalt und Journalist Martin Huff hat seine Kanzlei in Lützenkirchen. Er berichtet, kurz zusammengefasst, dass die neue „Dienstleistungs-Informationspflichten-Verordnung“ auch vor Anwälten nicht Halt macht.

Was fällt sonst noch auf?
Das Interview mit Heike Kremer, Leiterin der Unicef-Gruppe Leverkusen, im Anzeiger kommt im Print nur mit nicht weniger als drei Zeilen Überschrift aus. Die RP meldet einen „Patienten-Stau“ am Klinikum über die Pfingstfeiertage; am Streik liege das aber nicht. Und dann finden wir im Anzeiger noch einen Leserbrief, in dem eine Leserin beklagt, dass der Artikel über die Kirche St. Hildegard in Wiesdorf „einfach verändert wurde“: Nun entstehe der Eindruck, in der Gemeinde herrsche „tote Hose“ -was doch gar nicht so sei. Hier stellt sich dem Außenstehenden die Frage: Was heißt hier „verändert“? Kannte die Leserin eine frühere Fassung des Texts? In der Tat ist der Artikel vom 20. Mai nur mit „ksta“ gezeichnet, also ohne Autor. Vermutlich wurde also ein zur Verfügung gestellter Text nur zeitungsfertig gemacht. Und die Leserin weiß nun, was die wichtigste Aufgabe eines Redakteurs ist: Nämlich redigieren.

Muss man das akzeptieren?
Das Meer vergossener Tränen freier Mitarbeiter über (nach ihrer Ansicht) zerschandelte Artikel wird die Redakteure dieser Welt eines Tages hinwegschwemmen, keine Frage. Aber bis auf weiteres ist das so zu akzeptieren, ja.

Vielleicht besser so. Etwas Kultur?
Oh ja: Bei DeutschlandRadio Kultur wurde heute eine DVD mit einem Konzertmitschnitt mit Maceo Parker und der WDR Big Band bei den Leverkusener Jazztagen 2008 gelobt; Titel: „A Tribute to Ray Charles“ (siehe hier). Und der Künstlerbunker wird dank einiger belgischer Künstler derzeit zum „Kunsthuis“, weiß der Anzeiger.

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