Bayer: Dekkers verstehen … mit Schumpeter

Marijn Dekkers möchte die Bayer AG innovationsfähiger machen und in wachsenden Märkten im Ausland wettbewerbsfähig positionieren. Im Gegenzug sollen 1700 Stellen in Deutschland wegfallen. Das kann man finden, wie man möchte – der Niederländer folgt damit konsequent dem Modell der „schöpferischen Zerstörung“ des Ökonomen Joseph Alois Schumpeter.

Fünf Stunden sollen nicht ausgereicht haben, um den Bayer-Mitarbeitern die Pläne ihres neuen Vorstandsvorsitzenden Marijn Dekkers begreiflich zu machen: „Es gab eine Menge Fragen, die auch nicht alle abgearbeitet werden konnten“, zitiert der Leverkusener Anzeiger den Vorsitzenden des Bayer-Gesamtbetriebsrats Thomas de Win nach der Mitarbeiterversammlung am Mittwoch. Die Notwendigkeit, in Deutschland bis 2012 insgesamt 1700 Stellen einzusparen, will nicht jedem einleuchten: Schließlich fahre der Konzern schon wieder Rekordgewinne ein, argumentieren Kritiker und (möglicherweise) Betroffene. Dass das aber kein Argument gegen diese Maßnahme sein kann, das lehrte schon der Ökonom Joseph Alois Schumpeter (1883 – 1950).

Schumpeter pries bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den „dynamischen Unternehmer“. Schließlich lasse der Kapitalismus keinen Stillstand zu. Im Gegenteil: Bevor ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage eintreten und zu dauerhaft stabilen Preisen führen könne, seien es ebenjene dynamischen Unternehmer, die mit Innovationen dieses Gleichgewicht stetig durchbrechen und damit zum Erfolg finden. Immer neue Produktionsverfahren und neue Waren verdrängen alte Produktionsverfahren und Waren – ganz ähnlich der Darwinschen Evolutionsbiologie ein survival of the fittest. Schumpeter sprach daher von der „schöpferischen Zerstörung“ als Wesen des Kapitalismus.

Dekkers als „dynamischer Unternehmer“

Neue Absatzmärkte erschließen und die Unternehmensorganisation effizienter machen, auf Kosten vornehmlich deutscher Arbeitsplätze: Insofern ist Dekkers Losung „Mehr Innovation, weniger Administration“ die konsequente Folge aus dieser Lehre, um dem Konzern aussichtsreich zu neuem Wachstum zu verhelfen. Dekkers wäre demzufolge im Sinne Schumpeters ein „dynamischer Unternehmer“ – und genau den dürfte man sich in Bayer-Vorstandskreisen erhofft haben, als man ihn holte.

Wenn es Dekkers gelingt, den Arbeitsplatz-Abbau „sozialverträglich“ zu gestalten, wie er betont, reiht er sich ein in eine gute Tradition bei Bayer. Es könnte aber auch ein Hinweis dafür sein, dass er die Lehre des Ökonomen sehr aufmerksam studiert hat: Schumpeter beschäftigte sich nämlich auch eingehend mit der marxistischen Theorie – und zeigt sich in seinem Hauptwerk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ von 1942 davon überzeugt, dass der Sozialismus den Kapitalismus auf Dauer verdrängen werde. Nicht etwa an seinen Mängeln, sondern im Gegenteil: an seinem Erfolg werde der Kapitalismus zugrunde gehen, prophezeite Schumpeter. Denn die diesem System innewohnenden, gleichwohl notwendigen Ungerechtigkeiten, darunter Arbeitslosigkeit oder die ungleiche Verteilung der Einkommen, werde von den Menschen auf Dauer nicht hingenommen werden. Nicht von den Menschen, die den „Erziehungsapparat“ von Schule und Universität durchlaufen konnten, den erst der Kapitalismus zu finanzieren ermöglicht habe.

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