Zukunft der Zeitungen: Totholz für die Geschichte?

Über die „Geschichte des Zeitungswesens an Rhein und Ruhr“ berichtete der Leverkusener Lokalhistoriker Reinhold Braun in der Villa Römer. Sein Rückblick reichte bis in die Gegenwart, in der sinkende Abonnentenzahlen immer weniger werdender Lokalzeitungen den Historikern Sorgen um die Zukunft bereiten.

Denn wenn es nicht die tägliche Zeitung ist, die dereinst verlässlich über unsere Vergangenheit berichten kann – was sonst könnte gleichwertig an dessen Stelle treten? Schließlich gebe es kein anderes Medium, stellt Braun seinem Vortrag als Fazit voran, „das alle Facetten des politischen, kulturellen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und teils auch des sportlichen Lebens so konkret darstellt wie die Zeitungen“.

Bilder aus dem Vortrag von Reinhold Braun (mit Klick vergrößern):

Mit den Internetmedien tun sich Historiker schwer. Reinhold Braun erklärt mir das auf Nachfrage so: „Historiker beschäftigen sich damit, was früher war – vor 5, 10, 50 oder mehr Jahren. Internet- oder Blogbeiträge verschwinden schnell oder werden verändert“ – und damit seien sie als historische Dokumente unbrauchbar. Als diese seien sie später nur dann auswertbar, „wenn jemand sie gespeichert oder ausgedruckt hat“. Braun erläutert dazu sorgfältige Historikerarbeit beim Quellenstudium: „Bei einer gedruckten Zeitung weiß ich: der Artikel über Schlebusch aus dem Jahre 1848 war so und so, der Artikel über dasselbe Thema im Jahre 1925 war so und so. Wenn der Artikel ähnlich geblieben ist, dann weiß ich, der Schreiber von 1925 kannte den älteren Artikel oder hat die gleichen Quellen genutzt. Schreibt er etwas anderes, hatte er wohl andere, neuere Quellen oder er kannte die älteren Quellen nicht.“ Also müssen um der Geschichtsschreibung willen doch weiter Bäume sterben?

Bis 1975 gab es bis zu sieben Tageszeitungen in Leverkusen

In Leverkusen gibt es mit dem Leverkusener Anzeiger (Kölner Stadt-Anzeiger / „KStA“) und der Rheinischen Post („RP“) derzeit zwei Tageszeitungen, in denen zwei Redaktionen unabhängig voneinander an sechs Tagen in der Woche die aktuellen Nachrichten aus Leverkusen zusammentragen. Das erscheint mir für eine Stadt von der Größe Leverkusens als gar nicht mal so wenig. Das allerdings sieht Braun aus historischer Sicht entschieden anders – und erinnert an „goldene Zeiten“ des Zeitungswesens im 20. Jahrhundert: „In den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg gab es im Raum des heutigen Leverkusen bis zu sieben verschiedene lokale Zeitungen, bis 1974 vier lokale Zeitungen: KStA, RP, Kölnische Rundschau und Neue Rhein Zeitung, teils mit zwei verschiedenen Ausgaben für den Rhein-Wupper-Kreis und Opladen oder Leverkusen.“ Das heiße, folgert Braun: Mehr Redakteure hätten auf viel mehr Seiten aus unterschiedlicher ideologischer oder anderer Sicht geschrieben, sodass für die Geschichtsforschung mehr lokale Informationen zu finden seien als in den Jahren nach 1975.

Zuletzt musste 2003 die Leverkusener Lokalredaktion der Kölnischen Rundschau wegen sinkender Leserzahlen ihre Pforten dichtmachen, nachdem sie zuvor bereits 15 Jahre mit einer Schrumpfredaktion weitgehend nur noch die Artikel des Leverkusener Anzeigers übernommen hatte. „Und heute“, registriert Braun mit Bedauern, „müssen RP und KStA aus verschiedenen Gründen mehr auf Unterhaltung bei ihrer Berichterstattung eingehen und sie haben weniger Seiten Platz für Leverkusen als früher.“

„Blogs sind in ein oder drei Jahren weg“

Onlinequellen könnten diese größer werdende Lücke nicht füllen, befindet Braun: „Die älteren Leverkusener Zeitungen bieten eine Fülle von Informationen aus der früheren Zeit. Blogs, die wir heute im Internet lesen können, sind vielleicht in ein oder drei Jahren weg. Das heißt, sie sind nur kurzzeitig verfügbar. Und sie haben, so mein Eindruck, auch nur wenige Fotos.“ Dennoch gibt es Hoffnung für die Geschichtsschreibung, ergänzt Braun: Denn etwas anderes sei es, wenn es Zeitungen zukünftig nur noch online gebe, etwa als e-Paper: „Diese können unter anderem von Archiven digitalisiert gesammelt werden und so wieder für die historische Arbeit zur Verfügung gestellt werden.“

„Haben die Zeitungen noch eine Zukunft?“ – Das fragt eine Veranstaltung der VHS Leverkusen am Dienstag, 07. Juni 2016, um 19 Uhr im Forum Leverkusen, zu der ich eingeladen bin, um gemeinsam mit Bert Gerhards vom Leverkusener Anzeiger sowie Horst Thoren und Ulrich Schütz von der Rheinischen Post ebenjene Frage zu erörtern.

Die Veranstaltung gehört – wie auch der Vortrag von Reinhold Braun – zum Begleitprogramm der Ausstellung „Zeitung – Buch – Film. Mediengeschichte an Rhein und Wupper“ von drei Leverkusener Geschichtsvereinen, die noch bis zum 19. Juni in der Villa Römer in Opladen zu besuchen ist.

Der Vortrag von Reinhold Braun ist übrigens bei leverkusen.com via YouTube dokumentiert und kann jederzeit hier abgerufen werden:

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