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„Museum Morsbroich passte schon damals nicht zur Stadt“

Welt-Autorin Swantje Karich ist in Leverkusen geboren. Seit gestern macht sie daraus kein Geheimnis mehr: „Von heute an werde ich es allen erzählen“, verkündete sie in der „WamS“. Ihren Sinneswandel eingeleitet, schreibt sie, habe der drohende Kahlschlag in der Leverkusener Kultur – von der freien Szene bis zum Museum Morsbroich.

Gerhard Richters "Tiger" im Museum Morsbroich.

Ein Graus, für viele, die Vorstellung: Gerhard Richters „Tiger“ – hier in einer Ausstellung im Museum Morsbroich im Frühjahr 2016 – könne verkauft werden oder wieder in der Vorstandsetage der Sparkasse Leverkusen verschwinden. Handyfoto: Stefan Andres

Vor sechs, sieben Jahren, nicht lange, nachdem ich das LevLog gestartet hatte, fragte ich ein paar Journalisten, die ehedem aus Leverkusen kamen, ob sie nicht einen kleinen Text über ihre einstige Heimat schreiben mögen. Irgendwas, freie Themenwahl. Thomas Nehls rief immerhin an, Werner Sonne antwortete nicht. Swantje Karich, damals noch bei der FAZ, antwortete. Ich weiß nicht mehr, ob wir gemailt oder telefoniert haben, jedenfalls antwortete sie mir, dass sie mit Leverkusen nichts verbinde außer ihrer Geburt im Klinikum. Sie habe keine Erinnerung an diese Stadt, die es in einen Text zu gießen gelte.

Für das Feuilleton der „Welt am Sonntag“ hat sie an diesem Wochenende bekannt, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Die Erklärung, warum sie derlei Fragen oder Anfragen bis dato so beschied, liefert sie gleich mit: „Ich bereue, dass ich immer nur dachte, nur eines aus Leverkusen mitgenommen zu haben: Scham. Die Scham, in dieser Stadt geboren zu sein. Ich habe meine Heimat mit Köln, Bonn, Frankfurt oder Berlin umschrieben. Leverkusen aber steht in meinem Ausweis. Von heute an werde ich es allen erzählen.“ [An einem hinreichend entlegenen Ort bekannte sie immerhin schon 2009, dass sie einst kleine Buchrezensionen für eine „Buchhandlung in Schlebusch“ verfasste, was ihr den Weg zur Kulturjournalistin ebnete.]

Der „Kürzungskrieg“ in der Leverkusener Kultur habe ihren Sinneswandel befördert, schreibt sie. Haushaltsprobleme und (Kultur-)Kürzungen waren schon vor sechs, sieben Jahren und auch schon vor sechzehn oder siebzehn Jahren ein aktuelles Thema in Leverkusen. Aber mit der wieder mal drohenden Schließung von Museum Morsbroich nach dem Gutachten der Unternehmensberatung KPMG ist offenbar eine neue Eskalationsstufe erreicht:

„Ich habe mich in den letzten zwanzig Jahren nicht mit meiner Herkunft beschäftigt. Dann hörte ich, dass das Museum Morsbroich geschlossen werden soll. Ein Kürzungskrieg war ausgebrochen – gegen die Kultur, den Sport. Die Unternehmensberatung KPMG hat das Konzept erarbeitet. Ein Sturm der Entrüstung folgte, bundesweit war die Kunstszene entsetzt. Sogar Gerhard Richter schrieb einen offenen Brief an den Leverkusener Oberbürgermeister. Das Junge Theater der Stadt demonstrierte. 15.000 Unterschriften wurden gesammelt.“

Karich erinnert ihren Klavierunterricht und wie sie die Zeit jeweils kurz zuvor verbrachte („Es gab kein Café, es gab nur zwei Tankstellen“). Ihr Vater arbeitete bei Agfa, er fuhr eines der begehrten roten Werksfahrräder, sie selbst arbeitete noch als Werkstudentin im Bayerwerk. Natürlich arbeitet sie sich an der „Retortenstadt“ ab, am Beton und an der in ihre Stadtteile zersplitterten Stadt ohne Tradition. Damit aber, bekennt sie nun, erschöpfe sich Leverkusen eben nicht:

„Doch dann gibt es das Museum Morsbroich. Es passte schon damals nicht zur Stadt. Ein Barockschloss, so verspielt und mutig, dass es mir am Anfang wahnsinnig hässlich vorkam. Ich musste mich daran gewöhnen. Der Spiegelsaal. Der Stuck. Die Symmetrie. Hier atmete alles Geschichte. Hier erzählte mir die Architektur von neobarocker Verspieltheit und von Abenteuern.“

Immerhin hatte sie sicher einen guten Gesprächspartner, der ihr ihre bislang verleugnete Erinnerung aufzufrischen helfen konnte: Schließlich ist Andreas Rosenfelder, Chef beim WamS-Feuilleton, selbst gebürtiger Leverkusener. Ihn hatte vor 14 Jahren – die Bayer-Kicker waren gerade, glaube ich, wieder nicht Deutscher Meister geworden – schon das FAZ-Feuilleton gebeten, etwas über Leverkusen zu schreiben. Ich stelle mir das etwa so vor: „Sie kommen doch aus Leverkusen. Schreiben Sie uns bitte bis 16 Uhr 2000 Zeilen über die Stadt, die irgendwie nach Feuilleton klingen!“ Mindestens die Überschrift erfüllte diesen Anspruch: Leviathan an der Autobahn

Bei Springer ist „online“ kein Schimpfwort, daher geht’s hier umweglos zur Online-Version des Artikels von Swantje Karich: http://www.welt.de/print/wams/kultur/article157654689/Leverkusen-als-geistige-Lebensform.html

Ein paar Reaktionen zu dem Artikel bei Twitter:

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